Fahrradweg Eberstadt-Pfungstadt
Fahrradweg Pfungstadt-Eberstadt
Eberstädter Bahnhof

Sehr geehrte Frau Planungsdezernentin,
schön, daß Sie heute an unserer virtuellen Fahrrad-Exkursion teilnehmen können.

Um es mit einem Satz zu sagen: Es ist ein Graus.

Zwar scheint es, als seien primär nicht Sie, sondern nur der Verkehrsdezernent der kreisfreien Stadt zuständig. Es befinden sich aber Gebäude in dem Zwickel zwischen der Autobahn­brücke und der Eisenbahnbrücke. Es wohnen sogar Menschen dort.

Bestandsaufnahme

Es geht also um diesen Streifen Gelände zwischen diesen beiden Verkehrswegen. Links eine aufgegebene Papierfabrik – da sind jetzt Autohändler und ein Autoverleih. Gegenüber eine Spedition mit Werkswohnungen und eine schwer zu bezeichnende Einrichtung. Die Autobahnbrücke hat eine Durchfahrtsbreite von geschätzt 20 m, die Eisenbahnbrücke geschätzt 8,50 m. Es ist ein Durcheinander von Autos, Verkehrs­schildern, Gebäuden, Fahrrad­ständern und Passanten.

Es ist ein Umfeld, als wäre man auf dem Mars gelandet. Wir haben uns heute zu einer virtuellen Besichtigung verabredet. Ich mit dem Privatfahrrad und Sie mit Ihrem Dienstfahrrad. Vielen Dank, daß Sie gekommen sind.

Wir fahren Richtung Pfungstadt auf dem Radweg. Plötzlich schnürt sich der Radweg ein, weil da ein Verkehrsschild aufgestellt wurde. Nein, nicht dauerhaft. Temporär, aber eben schon seit Jahren. Das Schild soll das Parken verhindern. Es ist für den Radfahrer das Signal, nun auf die Fahrbahn zu wechseln. Oder sollte er auf dem Gehweg etwaige Fußgänger gefährden? Es gibt doch da keine Fußgänger, sagen Sie? Doch, es gibt sie und sie und die Radfahrer geraten ständig aneinander.

Jemand steht auf dem Gehweg, raucht und telefoniert.
Hallo, was fotografieren Sie denn da? Sie sind doch bestimmt von den Grünen!
Nein, sind wir nicht, wir machen nur eine Ortsbesichtigung, weil es hier doch keinen Fahrradweg gibt.
Hier ist kein Platz für einen Fahrradweg! Ich habe auch zwei Fahrräder. Aber ich fahre nicht so viel mit dem Fahrrad rum (tadelnd)! Ich nehme das Auto! Hier ist eben kein Platz, man kann doch nicht überall Fahrrad fahren! Diese Grünen!

Wir fahren nun auf der Fahrbahn zusammen mit Autos – schon gefährlich, finden Sie nicht auch? Als wir unter der Eisenbahnbrücke angekommen sind, wirds haarig. Entweder wir bleiben nun auf der Fahrbahn, da wird aber von den Autos ziemlich dicht aufgefahren. Macht ja nix, sind ja nur Radfahrer. Oder wir fahren auf dem Bürger­steig – es ist ja kein Verbot erkennbar – dann könnten wir aber mit nichts ahnenden Fußgängern kollidieren, denn die sieht man frühestens kurz bevor man unter der Brücke raus fährt. Nun nehmen wir in kühnem Schwung den Fußgänger­überweg vor dem ASB-Gebäude. Da fällt uns ein, wir müssten eigentlich mal kurz zurück schauen, damit wir nicht von einem nach rechts abbiegenden Auto umgenietet werden.

Wir haben es beinah geschafft – aber ach – nun kommt die Bushaltestelle. Vor der Bushaltestelle halten die Busse. Deshalb stehen auch die Fahrgäste dort. Die warten auf den Bus. Der kommt gerade, da steigen eine Menge Leute aus und ein. Also da kann man nicht fahren. Wir müssen anhalten und uns zu Fußgängern machen. Aber hinter der Bushalte­stelle, da ist das ASB-Gelände, ein Privatgrundstück – also kein Radweg. Sonst wird doch der Radweg hinter der Bus­halte­stelle weitergeführt? Überall sonst findet man diese Anordnung. Auf dem ASB-Gelände liegt eine Fahrspur, aus­weislich der Pfeile sogar in zwei Richtungen und einreihig, vor dem Gebäude, KFZ-Stellplätze. Man kann also nicht einfach den Radweg über das ASB-Gelände führen. Und der Bus braucht eben die Haltespur, damit er nicht den fliessenden Verkehr behindert.

Was nun? Was solls, steigen wir einfach ab. Wer sein Rad liebt, der schiebt.

Nun haben wir es fast geschafft. Zwei Ampeln, um die Fahrbahn zu überqueren, stehen zur Verfügung. Die eine ist nur für Fußgänger. Die nehmen wir nicht, sonst müssten wir absteigen. Wir nehmen einfach die nächste, die ist nur 20 m weiter und da ist im Glas der Ampel auch das Fahrradzeichen zu sehen. Nun kommt unser Triumph: nach mehr als angemessener Wartezeit wird die Ampel rot, wir passieren, um auf dem Radweg der anderen Seite weiter zu fahren. Wir sehen, wie sich eine sagenhafte Fahrzeugschlange bildet.
Alle Autofahrer müssen wegen uns anhalten und warten.
Aber Herr Göbel, warum sind Sie denn nicht auf der anderen Seite geblieben?
Nun, weil sich die folgende Kreuzung erheblich schneller bewältigen läßt, wenn man auf der dieser Seite fährt.

Wir befinden uns nun auf Höhe der Eberstädter Kläranlage. Es riecht – naja. Hier ist das Ortsende-Schild.
Übrigens muß ich Ihnen sage, daß ich ab dem Ortsschild nicht mehr zuständig bin! Ich fahre jetzt nicht mit Ihnen weiter! Keinen Zentimeter!
Gut, Frau Planungsdezernentin, dann bitte ich Sie, einen kurzen Moment zu warten.
Also, Herr Göbel, daß Sie nur einkaufen wollten, hätten Sie mir ja vorher sagen können!
Ja (zerknirscht), aber das gehört zur Vorführung. Ich wollte Ihnen zeigen, welchen Weg ich zum Einkaufen nehme. Ich bitte um Entschuldigung. Wir fahren jetzt zurück. Dann sind Sie auch wieder zuständig.

Vor uns steht eine Person mit einem Spazierstock. Es ist der Verkehrsdezernent des Nachbarkreises.
Guten Tag, Frau Kollegin! Da sehen wir uns einmal so ganz außerhalb öffentlicher Termine! Ich patroulliere hier an der Außengrenze meines außer­gemeindlichen Bezirks mit meinem Dienst-Spazierstock. Hier bin Ich zuständig. Was machen Sie denn hier?
Was sagen Sie zu unserer fabelhaften Straßenplanung! Diese Kurven und Gefälle! Mir gefällt das!
Der Herr in Ihrer Begleitung? Ein Bürger! Aha. Unvorstellbar.

Bürger: Herr Verkehrsdezernent, warum haben Sie denn die Kurve so un­über­sichtlich planen lassen, daß man, wenn man auf der Pfungstädter Straße aus dem Einkaufsmarkt herausfährt, von der Kreuzung herunterkommende Fahr­zeuge garnicht sieht? Sie haben einen Unfallschwerpunkt geschaffen! Und der Radweg - auf der Seite Eberstadt-Pfungstadt ist er nur in zwei Ampelzyklen zu überqueren! Was haben Sie sich nur gedacht?“

Verkehrsdezernent: Der Knoten B426-Pfungstädter Straße ist tadellos geplant. Ich weiß nicht, was Sie wollen.

Bürger: Aber es ist doch klar, daß es nicht um den Knoten mit der Ampelregelung geht. Es geht doch darum, daß der Einkaufsmarkt eine Verkehrsquelle ist. Die Ausfahrt aus dem Markt ist für den Autofahrer völlig unübersichtlich, denn er muß den Kopf um mehr als 90 Grad drehen und gleichzeitig nach oben schauen. Ihnen musste doch klar sein, daß dieser Markt mit seiner Hauptzufahrt einen Kreisel braucht. So ist das doch viel zu gefährlich für alle Verkehrsteilnehmer. Und für Radfahrer bedeutet es, daß man eben den Radweg der anderen Seite nutzen muß, wenn es auch zulässig ist.

Planungsdezernentin: Herr Göbel, kommen Sie zuende! Ich habe nicht ewig Zeit.

Bürger: Aber Sie müssen sich doch untereinander abstimmen. Das steht doch sogar im Baugesetzbuch. Nicht wahr.

Wir bewegen uns zurück Richtung Eisenbahnbrücke. Rechts sehen wir eine auf­wendig gestaltete Rampe mit Bohrpfählen im Eisenbahndamm. Hat bestimmt ordentlich was gekostet. Und es ist ein Großprojekt. Denn es dauert nun schon etwa 3 Jahre.

Wußten Sie eigentlich, Fr. Planungsdezernentin, daß die Eisenbahnbrücke von 1846 ist und unter Denkmalschutz steht?
Ja, das ist ein Teil des Problems.
Aber andererseits müssen Gebäude doch auch benutzbar sein. Man sollte einen Weg finden, wie man die Engstelle beseitigt. Auf der Südseite der Brücke befinden sich die ehemaligen Aufgänge zu den Gleisen.
Unter der Brücke nehmen wir zur Notiz, wie breit der Gehweg eigentlich ist. Er ist genauso breit wie auf der anderen Seite. Nämlich nicht über 1,20 m. Ja, man muß halt sparen. Ein Schild zeigt uns an, daß wir hier neben Fußgängern koexistieren. Das ist ein Recht. Wir setzen das jetzt durch.

Stören Sie sich nicht an den Fußgängern, Frau Planungsdezernentin! Die springen schon aus dem Weg!
Aber Herr Göbel! Der Weg ist doch viel zu schmal! Sie müssen absteigen!
Nein, denn Ihr Kollege, der Verkehrsdezernent, hat doch hier das Schild aufgehängt, nach dem Fußgänger und Radfahrer den Weg von 1,20 m Breite gleichzeitig nutzen sollen. Dann muß ich ja nicht absteigen. Denn wenn ich absteige, bin ich ja kein Radfahrer mehr, sondern ein Fußgänger, der ein Rad mitführt.

Nachdem wir die Brücke passiert haben, schauen wir nach links, wo sich die schwer zu beschreibende Einrichtung befindet. Die Fenster sind dunkel. War halt ein schlechtes Jahr 2020 und dieses Jahr wird auch nicht besser. Wir schauen nach rechts, wo sich die ehemalige Papierfabrik befindet und befinden, daß wir hier schnell wegkommen sollten.

Vor uns liegt eine Fahrbahn mit einem breiten weißen Balken, woraus wir schliessen, daß wir als Radfahrer rechts von dem Balken fahren sollten, dort, wo die Bahn in ihrer Generosität einen Haufen Fahrradständer für ihre Fahrgäste auf der Fahrbahn der Bundesstrasse abgestellt hat. Aber da sind lauter Pfützen und und deshalb fahren wir dann halt doch links von dem Balken. Das ist auch besser so, denn rechts von dem Balken schliessen sich nun parkende Autos an. Wenn da einer die Tür öffnet, sind wir reif.

Dumm nur, daß da gerade ein Auto von hinten kommt. Jetzt hat er auch noch gehupt. Unmöglich, diese Autofahrer. Jetzt noch an dem Autoverleiher vorbei und dann unter der Autobahnbrücke durch und, hier fängt der Radweg endlich wieder an, aber was jetzt – was will der LKW hinter uns, der will doch tatsächlich nach rechts zur Autobahn abbiegen. Ein Glück, daß er uns nicht die Vorfahrt genommen hat. Wir stehen an der Ampel. Ein Autofahrer läßt die Scheibe an der Beifahrertür herunter und schreit uns an:
Auf dem Radweg fahren! He! Sie da!
Schon, aber es gibt doch erst hier wieder einen Radweg!

Nun, eigentlich brauchen wir uns das nicht gefallen zu lassen. Vor uns hält mit quietschenden Reifen ein Lieferwagen mit gelben blinkenden Lichtern auf dem Dach. Die Schiebetür geht auf, ein Arbeiter springt raus, salutiert und bemächtigt sich Ihres Dienstfahrrads.

Ich verabschiede mich auch.
Eine tägliche Dosis Horror ist eben doch besser als jeder Kinofilm. Wir haben es geschafft. Ich danke Ihnen für Ihren Mut, Frau Planungsdezerentin, hier mit Ihrem Fahrrad zu fahren. Für mich ist es Alltag.

Fazit

Die Verkehrsplanung beschränkt sich auf das temporäre Aufstellen zweier Schilder, die das Parken regeln. Für die Stadtplanung bestehen noch große Potentiale.